Beschreibung meiner depressiven Phase – oder: mein schwarzer Hund

Ich habe (wieder) eine (milde) depressive Phase hinter mir. Also zumindest glaube ich nun, dass sie (fast komplett) vorbei ist.

Es begann für mich damit, dass ich ein paar Nächte hintereinander nicht gut einschlafen konnte. Ich konnte nicht erkennen, was der Grund dafür war. Es hätte auch die Hitze sein können, schließlich haben wir recht warme Tage. Irgendetwas jedoch schien mich (im Unterbewusstsein?) zu beschäftigen. Ich versuchte, diese Tatsache sein zu lassen und nicht noch mehr zu hinterfragen, denn manchmal entwickelt sich daraus ein innerer Druck, mit dem ich nicht mehr fertig werde.

Vielleicht auch wegen der Kombination mit dem schlechten Schlaf – ich wurde empfindlicher. Negative Dinge beeinflussten mich mehr als sonst. Ich fühlte mich schnell angegriffen. Meine Arbeit machte weiter Spaß, und auch im Privaten ging es mir gut. Wahrscheinlich kam die Tatsache, dass ich sehr viel arbeiten musste, noch eher negativ beeinflussend hinzu. Ich war am Tag schneller erschöpft, fing an, mich nach einer richtigen Pause zu sehnen. Morgens konnte ich noch weniger gut aufstehen.

Dann kamen die Gedanken.

Zunächst waren es noch Fragen. „Was ist, wenn ich meine Aufgaben in der Kanzlei nicht mehr schaffe?“ „Genüge ich eigentlich den Ansprüchen, die ein Geschäftsführer einer Rechtsanwaltskanzlei hat bzw. haben muss?“ „Warum nervt mich plötzlich so viele Dinge im Alltag?“ und so weiter. Diese Fragen entwickelten sich zu Antworten. Antworten, die ich schon lange nicht mehr in meinem Kopf hatte.

„Du bist nicht gut genug als Rechtsanwalt, geschweige denn als Leiter der Kanzlei.“
„Du schaffst das alles nicht und wirst daran zerbrechen.“
„Es musste so kommen. Du verdienst es nicht, erfolgreich und glücklich zu sein.“
„Du wirst immer unsportlicher, lässt dich gehen, und das war so klar.“
„Niemand findet dich gut oder schön.“

Bis dahin hatte ich mich mit Arbeit „abgelenkt“. Denn sie machte mir weiterhin Spaß. Aber mehr Arbeit bedeutete irgendwann nicht nur mehr Spaß, sondern auch mehr Druck. Mehr Zweifel.

Ich dachte darüber nach und plante die nächsten Tage. Folgende Schritte unternahm ich dann nacheinander:

  1. Ich schaltete die Benachrichtigungen meiner E-Mail-App auf meinem Handy aus und verhinderte so, ständig eingehende geschäftliche E-Mails zu registrieren.
  2. Ich nahm Gelegenheiten wahr, an denen ich abends mit anderen Menschen reden oder zusammen essen konnte, möglichst außerhalb der Arbeitsstätte, um diese Abwechslung in meiner Wahrnehmung zu haben.
  3. Zuhause schottete ich mich ein wenig ab und sorgte dafür, auch mal allein und ungestört zu sein.
  4. Ich redete mit Nina. Mir war wichtig, dass sie Bescheid weiß.
  5. Ich versuchte, auf der Arbeit zeitweise etwas schneller zu sein, auch wenn es viel Kraft kostete. So konnte ich mir mit einem guten, zumindest nicht mehr ganz so schlechten Gewissen etwas mehr Zeit fürs Private schaffen.
  6. Ich schnappte mir dann meine Golftasche und ging trainieren. Statt Golf hätte es auch zum Beispiel Fahrradfahren sein können. Ich hatte aber festgestellt, dass ich mich nur zum Golf aufraffen konnte. Ich hatte inzwischen sogar keine Kraft und Muße fürs Musizieren. Darum ging es: Von den Hobbies dasjenige raussuchen, das ich am Ehesten schnell wieder aufnehmen konnte.
  7. Ich habe etwas Geld in neue Ausrüstung investiert. Dieses Belohnungsprinzip habe ich manipulativ bei mir selbst angewendet. Es bringt kurzfristigen Erfolg, und auch einen solchen brauche ich in diesen Phasen.
  8. Ich habe Social Media Aktivitäten eingeschränkt.
  9. Ich trainierte so, so dass ich mich körperlich so verausgab, dass ich wirklich platt war.

Nachdem ich an einem Sonntag nach einer Golfrunde völlig fertig nach Hause zurückkehrte, fiel ich buchstäblich ins Bett und schlief bereits gegen 21 Uhr ein. 21 Uhr ist für meine Verhältnisse sehr früh – meine Schlafzeiten beginnen sonst selten vor 23 Uhr oder Mitternacht. Ich schlief ganze neun Stunden und wachte am Montag deutlich „leichter“ auf.

Die Gedanken in meinem Kopf waren deutlich leiser geworden.

Ich begann, mein Fokus wieder neu zu justieren. Es gab weiterhin Dinge, die mich genervt haben. Ich war weiterhin unter Druck. Aber ich begann, kleine Erfolge wieder besser zu sehen. Bei diesen kleinen Erfolgen lobte ich mich innerlich deutlich. Ich kann auswählen zwischen „Du bist der Aufgabe nicht gewachsen“ und „Du hast dir diese Position, dieses Vertrauen verdient, es ist gerechtfertigt, du bist heute dort, weil du in der Lage bist, all das zu schaffen“. Es ist ein Wechsel der Perspektive auf die objektiv gleichen Dinge. Natürlich funktioniert das nicht auf Knopfdruck, aber ich habe schließlich seit meinem Klinikaufenthalt im Jahr 2020 Fortschritte gemacht, mich entwickelt, Werkzeuge erschaffen, die mir helfen. Vor allem: Ich habe inzwischen gelernt, Zeichen zu erkennen und Maßnahmen einzuleiten. Gleichzeitig habe ich gelernt zu akzeptieren, dass es depressive Phasen geben kann und auch wird, und dass das nicht „schlimm“ ist.

Die depressiven Phasen gehören, die Depression gehört zu meinem Leben. Ich habe Techniken erlernt, mit meiner Depression umzugehen. Ich bin achtsamer geworden. Ich kann die Depression zulassen, und gleichzeitig das Leben ein Stück weit genießen. Es geht mir inzwischen viel besser.

Es wird wieder eine gute Phase geben, bis die nächste depressive Phase da ist.

Oder bildlich gesprochen: Nachdem der schwarze Hund einige Tage eng bei mir war und mich ab und an auch anknurrte bzw. bellte, ist er nun wieder draußen im Garten in seinem Häuschen, hat genug Knochen zum Knabbern und ist ruhig. Bis er wieder Hunger oder Langeweile hat und direkt vor meinem Fenster steht. Bis dahin lege ich neue Knochen beiseite, um diesen schwarzen Hund dann wieder zu beschäftigen, bis er wieder zufrieden sich zurückzieht.

Vielleicht gebe ich diesem Hund eines Tages einen Namen.

Er bleibt aber bis zum Ende bei mir, egal, wie er sich benimmt.

Er ist MEIN schwarzer Hund.

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2 Kommentare zu „Beschreibung meiner depressiven Phase – oder: mein schwarzer Hund

  1. Moin, mein Bester, ich fühle Dich, im Augenblick wieder etwas mehr als sonst. Ich habe im Moment auch wieder diese „Genügen“-Gedanken. Und ich kann das Tier um die Ecke schnüffeln hören. Insofern bist Du nicht allein, aber das hilft halt auch nicht. Wenn Du reden willst… Weißt Du aber. Liebe Grüße von uns an Euch. Fühl Dich gedrückt.

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  2. Moin, lieber Byung! Ich kann das gut nachfühlen, habe auch wieder gerade so eine Phase, in der ich dann aber hauptsächlich Ruhe brauche und mich sehr zurückziehe. Als Rentnerin habe ich ja zum Glück die Möglichkeit.
    Mein schwarzer Hund ist jetzt ein Huhn und heißt Sigrid (Cartoon von Gary Larson/The Far Side) und wenn es mir nicht gut geht, weiß ich jetzt, das Sigrid im Fenster sitzt und hereinschaut. Irgendwann flattert sie dann weiter und es geht wieder bergauf.
    Liebe Grüße an Euch!

    Gefällt 1 Person

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