Zeit und Erinnerungen

Nach dem Essen sitzen wir – mein Vater, meine Schwester und ich – noch am Esstisch in der Küche. Wir sprechen über lustige Momente aus der Vergangenheit. Zum Beispiel, als Mutter keine drei Minuten nach dem Einchecken im Hotel aus Versehen einen Alarm auslöste. Oder als Vater in Heidelberg einen in Fraktur geschriebenen „Gasthaus“-Schild las, fragte, was „Gafthaus“ denn bedeuten solle, und Mutter daraufhin schimpfte, dass es doch „Golfhaus“ heiße.

Wir lachen. Vater sagt dann: „Jetzt sitzen wir hier und reden über die Vergangenheit. Ähnliche Anekdoten fallen mir ein mit meinen Eltern. Es fühlt sich wie vorgestern an.“ Ich denke nach. Opa ist 2004, Oma 1991 gestorben. Ein Wimpernschlag, und wir befinden uns im Jahr 2022.

Vater fährt fort: „Bald werdet ihr mit euren Kindern da sitzen und über eure Geschichten lachen. Eure Mutter und ich werden nicht mehr da sein. Ich finde, letztlich kann man nur eines im Leben machen: das Leben wirklich bewusst leben. Die Zeit rennt und am Ende ist nichts.“

Es ist nicht alles schön und leicht. Man muss nicht für alles dankbar sein und das Leben nicht vollständig als „Glück“ schätzen. Meine Depression beispielsweise war und ist kein Glück für mich. Meine Vergangenheit mag mich vielleicht am Ende stärker gemacht haben, schön war sie trotzdem nicht. Ich schätze sie – also diese bloße Vergangenheit – nicht. Glück ist für mich, dass ich heute diesen schönen Umgang, dieses wundervolle Miteinander mit meinen Eltern und meiner Schwester habe. Dass wir gemeinsam lachen können. Bewusst leben, achtsam sein heißt für mich nicht, dass ich angestrengt und forciert jeden Augenblick wahrnehmen muss. Aus meiner Sicht reicht es, wenn ich es schaffe, immer wieder mal zur Ruhe zu kommen und innezuhalten. In dem ich beispielsweise jetzt gerade darüber schreibe.

Ich bin seit einigen Tagen 37 Jahre alt. Niemand weiß, wie viele Jahre ich noch habe. Die Vergangenheit ist eben Vergangenheit, dort ändert sich nichts mehr. Was die Zukunft bringt, steht in den Sternen. Also freue ich mich jetzt über diesen schönen Moment mit Vater und Schwester heute. Ich nehme wahr, dass es mir gerade gut geht.

Morgen… ja, da schauen wir mal, ne?

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