Der Seiltanz

Liebe ist ein Seiltanz.

Auf der einen Seite stehen das Verlangen – zwischenmenschlicher und sexueller Natur, der Wunsch nach ständiger Nähe, die Zweisamkeit und die Angst, zu viel zu verpassen. Diesen einen Menschen an sich halten, ein Stück weit „besitzen“ wollen. Angesichts der Flüchtigkeit des Lebens jede Sekunde miteinander verbringen wollen und das Beste, das Maximale herausholen müssen.

Es ist schließlich schön – in diesem Moment alles andere vergessen zu können und gemeinsam, zusammen unbesiegbar zu sein. Helfen und sich helfen lassen. Für jemanden da zu sein und zu wissen, dass dieser Mensch ebenso für einen da ist. Das Gefühl, dass dieser Mensch gewisse Lücken füllt, einen vollkommen macht.

Auf der anderen Seite stehen die Gefahr des Identitätsverlusts, das Bedürfnis für das Alleinsein, die eigene Souveränität zu erhalten, eigene Träume zu verwirklichen. Jedes Individuum hat eigene, von anderen sich unterscheidende Bedürfnisse und Ziele. Die individuelle Unabhängigkeit ist ein hohes Gut; sich einzuschränken kann bis zu einem gewissen Punkt ein Entgegenkommen auf der Beziehungsebene, darüber hinaus allerdings jedoch eine Art Selbstaufgabe werden.

Liebe ist ein Seiltanz.

Die beiden Persönlichkeiten – oder besser, Seelen – sind die zwei Bäume, an denen das Seil angebunden wird. Diese zwei Bäume brauchen genug Abstand voneinander, so dass beide jeder für sich wachsen und gedeihen kann und die Wurzeln sich nicht in die Quere kommen – denn sonst ziehen sie sich gegenseitig die notwendige Energie und beide Bäume werden leiden.

Beim Seil gibt es kein richtig oder falsch – manches Seil kann fest, manch anderes locker und mal höher oder mal niedriger angebunden werden. Es liegt an den zwei Menschen, das Seil und dessen Eigenschaften gemeinsam zu definieren und anzuspannen. Es können auch mehrere Bäume und Seile miteinander verbunden werden. Für manche wird es gut sein, viele gemeinsame Hobbies zu haben, oder gar denselben Beruf im selben Arbeitsumfeld. Für andere wird es wiederum gut sein, verschiedene Hobbies und jeder Raum und Zeit für sich selbst zu haben. Die gemeinsame Herstellung des Beziehungsseils erfordert Arbeit, Kommunikation und Vertrauen. Gelingt dies, entsteht dadurch nicht nur ein stabiles Seil, sondern auch ein geeignetes Auffangnetz unter dem Seil. So wird der doch so schwierige Seiltanz locker und leicht – denn es ist ok, währenddessen hinunterzufallen und sich auffangen zu lassen, um im Anschluss den Tanz auf dem Seil fortzuführen.

Liebe ist ein Seiltanz.

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