Training – oder: Futter für meine Psyche

Ich kann nicht mehr.

Seit 20 Minuten trample ich auf dem Crosstrainer. Das Programm läuft noch 8 Minuten. Ich will aufhören.

14 Tage nach der zweiten Covid-Impfung wagte ich mich wieder ins Fitnessstudio. Rund anderthalb Jahre war ich nicht mehr dort – das war auch vernünftig. Allerdings hat mich diese Pandemie tatsächlich einiges gekostet, was das Körperliche betrifft. Ich war zwar zwischenzeitlich viel auf dem Rad unterwegs, aber Fakt ist: Bis zum Beginn der Pandemie war ich auf einem sehr guten weg. Von ursprünglich rund 105 kg war ich bis 97 kg runter, als die gezwungene Pause kam. Jetzt bin ich wieder bei 105 kg, unzufrieden mit meiner Figur und meinem generellen körperlichen Zustand. Also bin ich nun seit rund einer Woche wieder regelmäßig im Studio.

Das Radfahren war und ist für mich ein gutes Werkzeug, um täglich mit meiner Depression umzugehen. Fitness jedoch ist tatsächlich nicht nur für meine Psyche, sondern auch für meinen Körper gut. Ich habe jede Menge Trainingsgeräte, mit denen ich unterschiedliche Bereiche gezielt trainieren kann. Ich könnte diese Übungen auch zuhause machen, ohne Geräte. Aber ich gestehe ehrlich: Alleine Zuhause klappt es einfach nicht. Ich habe keine Motivation dafür. Draußen im Studio trainieren auch andere, das reißt einen eher mit.

Die Gemeinsamkeit von Radfahren und Fitness: meine persönliche Grenzerfahrung. Beim Radfahren ist es einfach: so weit ich auch wegfahre, muss ich auch immer zurückfahren. Da kann ich nicht mittendrin aufhören, ich muss ja wieder nach Hause kommen. Ich kann Pausen einlegen, mich zwischendurch auf eine Bank setzen und meine Beine ausstrecken. Aber ich muss irgendwann weiterfahren. Beim Fitness hingegen könnte ich zwar jederzeit aufhören, ich kann aber bei jeder einzelnen Übung bis zu meiner Grenze gehen. Dabei geht es nicht ums Übertreiben, das wäre kontraproduktiv. Die Gewichte sind sorgsam gewählt, die Sätze angemessen festgelegt, so dass es eine gesunde Herausforderung ist.

Die Grenze zwischen „Grenzerfahrung“ und „Quälen“ ist recht fein. Für mich persönlich ist es eminent wichtig, diese Grenze nicht zu überschreiten. Es soll am Ende immer noch Spaß machen, und dadurch, dass ich mich körperlich verausgabe, helfe ich meiner Psyche. Hormone und so. So sehr es mir oft schwerfällt, mit dem Sport zu beginnen, bin ich nach jeder Fahrt oder nach jedem Training froh, dass ich es durchgezogen habe. Ich bin ausgeglichener, entspannter, habe weniger negative Gedanken im Kopf. Das Ganze darf aber nicht zum Qual werden und hier liegt meine große Gefahr: Denn ich führe ja auch einen täglichen Kampf gegen mich selbst in Bezug auf meine Selbstwahrnehmung und Selbstbeurteilung. Jeden Tag kämpfe ich gegen diese innere Stimme, die mir sagt, ich sei dick, hässlich, unsportlich, unattraktiv. Wird die innere Stimme zu stark, könnte ich gegensteuern, in dem ich übertreibe. Und diese Arbeit allein kostet viel Kraft.

Ich höre also in mich hinein, während ich auf dem Crosstrainer weiterstrample. Ich bin auf dem Ergometer 5 km in 15 min gefahren (das ist immer mein Aufwärmprogramm im Studio), habe danach Schulter, Arme, Bauch und vor allem Rücken trainiert. Üblicherweise bin ich rund 1,5 bis 2 Stunden im Studio pro Trainingstag und in der Woche versuche ich, drei bis vier Mal im Studio zu sein. Pausen sind ebenso wichtig, die halte ich auch ein.

Ich glaube, wenn ich die restliche Zeit noch durchziehe, ist es noch unterhalb der „Qual“-Grenze. Habe kurz beobachtet, wie mein Körper gerade auf die Bewegungen reagiert, überlegt und abgewogen.

Also entscheide ich mich dazu, das Programm bis zum Ende durchzuziehen und höre in dem Moment ein Signal.

Die restlichen 8 Minuten sind abgelaufen.

Ein Kommentar zu „Training – oder: Futter für meine Psyche

  1. Ich bin total unbeweglich geworden und werde jetzt wieder mit Reha-Sport anfangen.
    Muss Deinen Satz leider etwas umformulieren:
    danach habe ich Schulter, Arme, Bauch und vor allem Rücken 😉

    Aber Du motivierst mich jetzt und nächste Woche geht es los! Word!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s