Wie es mir gerade geht

Ich habe lange Zeit mich an den Reaktionen anderer Menschen gemessen. Wie ich in meinem Buch „Ins Leere gelaufen“ beschrieben habe, hatte ich nie gelernt, mich selbst zu „bewerten“, unabhängig der Meinung anderer. Ich fühlte mich erst dann „wertvoll“, wenn ich anderen helfen konnte. Ich war glücklich, wenn jemand mich lobte. Wurde ich kritisiert, fiel ich innerlich um und fühlte den Boden unter meinen Füßen nicht mehr.

Ich brauchte ständig die Bestätigung von außen.

Ich bin sicherlich noch lange nicht ganz frei davon, aber der Blickwinkel hat sich inzwischen verschoben. Ich lerne, mich für mich selbst einzusetzen. Was mir beruflich für andere (Mandanten) schon länger gelang, gelingt nun auch im privaten Bereich. Ich erkenne, was mir guttut. Die Meinungen, Rückmeldungen der Menschen, die mir wichtig sind und zu richtiger Kritik und Anregung fähig sind, nehme ich nach wie vor sehr ernst. Aber ich lerne, mehr ich selbst zu sein. Meine Ansichten auch im Privaten zu vertreten und nicht davon abzurücken, nur weil sie anderen nicht gefallen. Ich erinnere mich daran, dass ich im Beruflichen durchaus vieles richtig gemacht habe und dementsprechend mein innerer Kompass nicht verkehrt sein kann.

Es geht nicht einmal darum, irgendwelche Bestätigung, ob von Außen oder aus dem Inneren, zu erhalten.

Der Untertitel meines Buchs lautet: „Wie ich meine Depression überwand und mich selbst neu kennenlernte“.

Mit „Überwinden“ meine ich nicht, dass die Depression nicht mehr da ist, sondern, dass ich sie akzeptiere und lerne, mit dieser Krankheit umzugehen. Gewissermaßen ging es vielmehr darum, dass ich mein vergangenes Ich überwand.

Mit „mich selbst neu kennenlernen“ meine ich den Weg zurück zu mir selbst. Nicht nur erkennen, was ich wirklich denke, sondern noch wichtiger: Erkennen, wie ich mich fühle. Welche Gefühle in mir Platz einnehmen. Mir selbst zuhören.

Es gab eine Zeit, in der ich nur mich beschwert habe. Ich habe viel gesagt und geschrieben, aber nichts getan. Mit dem Antritt zur Akuttherapie in einer psychosomatischen Klinik im Jahr 2018 tat ich gefühlt zum ersten Mal wirklich „etwas“. Ich hatte davor kaum ein Wort darüber verloren. Nicht nur labern, machen! All die Tweets und Blogeinträge aus dieser Zeit, mein Buch – all das Geschriebene zählt am Ende nichts.

Es zählt, was ich getan habe. Dass ich getan habe. Dass ich weitermache.

Es ist April 2021. Etwas mehr als ein Jahr ist seit meinem Klinikaufenthalt vergangen. Das ist eine recht kurze Zeit. Trotz all der weiteren Höhen und Tiefen und der Erkenntnis, dass es immer wieder dunkle Phasen geben wird – um so mehr bedeutet mir selbst, dass ich jetzt in diesem Moment sagen kann:

Ich bin mit mir im Reinen.

Ein Kommentar zu „Wie es mir gerade geht

  1. Hallo Byung
    das Leben ist ein gewaltiger Lernprozess. Manche lernen schneller andere langsamer. und was will uns das Leben eigentlich lehren? Zu Lieben! Damit wir unseren Mitmenschen wahrhaftig lieben können, wie uns selbst. Nicht einfach. Nicht immer einfach. Und während wir durchs Leben reisen und uns durcharbeiten wird das Bild der Liebe im klarer. Dann möchte man Vergebung und vergibt anderen auch gerne, fördert das Mitgefühl in sich und anderen. Achtet auf die Reinheit des Herzens, damit wir ein kleines Stück vom Paradies in und mit uns herumtragen, für uns für andere. Wie denkst du darüber, nach deinen schwierigen Zeiten?

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